Redewendungen

„Den Kürzeren ziehen“

(Gert Sommerfeldt):  Sie liebt mich – oder sie liebt mich nicht, ist ein Abzählreim, der nicht nur unter Kindern und Jugendlichen spielerisch hinterfragt wird. Auch Erwachsene finden es spannend, wenn sie einen unerfüllten Wunsch oder eine strittige Gegebenheit unausgesprochen lösen wollen. Sie erwarten nun ein sichtbares Ergebnis nach dem einzelnen Abblättern eines mehrfach gefiederten Blattes oder einer Blüte. Das macht Spaß, ist aber nur ein Gaudi, denn ist das Ergebnis nicht so nach eigenem Wunsch ausgefallen, kann der nächste Versuch hoffentlich besser ausfallen. Diese Methode, die Lösung einer schwierigen Situation dem Zufall zu überlassen, wurde auch im Mittelalter bis in die Zeit des Schöffenstuhls in Magdeburg angewendet. Wenn es zu schwierigen Rechtsfragen unterschiedliche Auslegungen gab, dann musste das Los entscheiden: Von zwei verdeckt vorgelegten Stäbchen war eins kürzer. Wer es zog hatte damit in der strittigen Angelegenheit verloren. Das Ergebnis wurde dann gerichtlich beurkundet und galt gleichzeitig auch als Gottesurteil, war damit unanfechtbar. In unserer Zeit wird meist eine Entscheidung in lustiger Runde am Biertisch mit Streichhölzern vollzogen. Der Verlierer zahlt die Runde, weil er eben den „Kürzeren gezogen“ hat.